Achtung! Die Russen kommen …
Ab 2029 müssen wir, so der Generalinspekteur der Bundeswehr, damit rechnen, dass Russland die Nato angreift. Aber nicht nur Generalinspekteur Carsten Breuer, auch andere hochrangige deutsche Militärs warnen vor einem russischen Angriff im Jahr 2029. Verteidigungsminister Boris Pistorius mahnt an, dass Deutschland bis 2029 kriegstüchtig sein müsse. Auch der Bundesnachrichtendienst betont die Gefahr eines russischen Angriffs auf die Nato. Es scheint, nimmt man all‘ diese Warnungen ernst, bedrohlich zu werden und die Aufrüstung der Bundeswehr ist, um einen von Angela Merkel verwendeten Begriff zu benutzen, alternativlos. Dafür bedarf es Geld, und zwar sehr viel Geld, denn es geht nicht nur darum, die Bundeswehr aufzurüsten, sondern auch die Ukraine militärisch auszustatten; schließlich verteidigt die Ukraine unsere Freiheit und hält die „barbarischen Russen“ so lange auf, bis wir endlich so weit sind. Aus Steuermitteln allein ist das alles nicht zu finanzieren; es bedarf der Aufnahme von Schulden in Milliardenhöhe (82 Milliarden Euro für den regulären Etat, 61,3 Milliarden für die Sondervermögen Infrastruktur und Bundeswehr).
Es ist völlig klar, dass bei diesen enormen Schulden im sozialen Bereich und Gesundheitswesen eingespart werden wird. Zwar sollen davon die Renten, wie befürchtet, nicht betroffen sein, aber die Eingliederungshilfen für Langzeitarbeitslose und Menschen mit Behinderung sollen gekürzt werden. Noch ist ungewiss, wie letztendlich die Sparmaßnahmen im sozialen Bereich und Gesundheitswesen insgesamt ausfallen werden, aber es ist mit einer Verschlechterung der Leistungen in diesen Bereichen zu rechnen. Aufgrund der Sanktionspakete gegen Russland bleiben die Öl- und Gaspreise sehr hoch, das natürlich zu weiteren Schließungen und Abwanderungen von Unternehmen führen wird. Allerdings halten die Leitmedien und Politiker wie Roderich Kiesewetter dem entgegen, dass doch die Rüstungsindustrie aufgrund der guten Auftragslage Arbeitsplätze schaffen würde. Dies lässt sich nicht bestreiten und dennoch wären solche Begründungen für die Produktion von Kriegsmaterial in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts undenkbar gewesen. „Krieg schafft Arbeitsplätze!“ Eine Formulierung, die zeigt, auf welches fragwürdige ethische Niveau unsere Leitmedien und politischen Eliten abgestürzt sind. In Umkehrung des Satzes von Willy Brandt gilt heute folgende Aussage:
„Krieg ist nicht alles, aber ohne Krieg ist alles nichts!“
Laut einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF-Magazin „Frontal“ sprachen sich im Januar 2025 67 % der deutschen Staatsbürger für weitere Waffenlieferungen an die Ukraine aus. Es stellen sich folgende Fragen: Wie ist es zu erklären, dass die Mehrheit der deutschen Staatsbürger sich für die Fortsetzung eines Kriegs, der für die Ukraine bereits verloren ist, ausspricht und völlig ausblendet, dass sowohl ukrainische als auch russische Soldaten weiterhin sinnlos in den Tod geschickt werden? Wie kann es sein, dass eine Mehrheit der Deutschen die Gefahr ignoriert, dass Deutschland in den Krieg hineingezogen werden könnte?
Um diese Fragen beantworten zu können, ist es wichtig, auf das „kulturelle Gedächtnis“ einer Gesellschaft, einer sozialen Klasse oder einer sozialen Gruppe einzugehen. Was genau ist unter dem kollektiven (kulturellen) Gedächtnis zu verstehen? Die Antwort lautet: „Es zählt nicht faktische, sondern nur erinnerte Geschichte“, die sich „in Mythos transformiert“ (Assmann 2013: 52). Dem Mythos ist eigen, dass er die erinnerten Fakten in positiver Weise glorifiziert oder in negativer Weise dämonisiert. Nicht alles wird erinnert. Das Erinnerte wird aufgrund von Glorifizierungen und Dämonisierungen verfälscht und durch Fiktionen ergänzt. Gesellschaften, Gemeinschaften und soziale Gruppen haben ihre jeweils eigenen Interpretationen der erinnerten Geschichte. Für jene deutsche männliche Generation, die im Zweiten Weltkrieg an dem Feldzug gegen Russland („Unternehmen Barbarossa“) teilnahm (teilnehmen musste), wurde das Erlebte zu einem Horror und diejenigen, die überlebten, versuchten, zu vergessen und wollten über das Geschehene nicht sprechen. Nicht wenige von ihnen waren traumatisiert. Die erinnerten Fakten der Überlebenden wurden von ihnen dämonisiert und entsprechend verfälscht. Es entstand ein dämonisierter Mythos über die Russen, der an die Kinder und Enkel weitergegeben wurde. Das kulturelle Gedächtnis von sehr vielen der jetzigen Enkel-Generation ist von diesem Mythos, der sich aus den Erzählungen ihrer Großväter herauskristallisierte, geprägt. Diese Enkel-Generation weiß nicht, dass sie Opfer dieses Mythos geworden ist, der sie beherrscht. Natürlich gibt es auch diejenigen, allerdings sind sie in der Minderheit, deren Eltern die Erzählungen der Großeltern (Die Frauen übernahmen die Erzählungen ihrer Männer) hinterfragten; so lernten sie von den Eltern, nicht dem Mythos über die Russen zu verfallen.
Der Propaganda der USA, verbreitet durch US-amerikanische Thinktanks und Hollywood-Produktionen, gelang es, den dämonisierten Mythos über die Russen, der in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts weitgehend aus dem Alltagsbewusstsein verschwunden war, wiederzuerwecken. Dieser Mythos ist es, der die russophobe Einstellung derjenigen bestimmt, die eine Fortsetzung des Kriegs und weitere Waffenlieferungen an die Ukraine wollen: Die „russischen Barbaren“ sind das Böse, das es zu vernichten gilt!
Es bleibt nur die Hoffnung, dass die Vernunft und der humanistische Geist wieder zurückkehrt und den gesellschaftlichen Diskurs bestimmt.
Der Autor empfiehlt: Assmann, Jan 7. Auflage 2013: Das kulturelle Gedächtnis Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. Verlag C. H. Beck. München.
Redaktionelle Notiz: vgl. auch hier; „240 Euro pro getötetem Russen – das ist günstig“ – Deutschland strebt neue alte „Effizienz“ an

